Verschwundene Orte der DDR


Vorwort zum Bildband

Am 9. November 1989 um 18:53 Uhr verkündet das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Öffnung der innerdeutschen Grenze. Noch in derselben Nacht wachsen die Menschenmassen an den landesweiten Grenzübergängen. Die Wachposten öffnen den Schlagbaum. Die Bürger der DDR dürfen ungehindert ins westdeutsche Ausland reisen.

Ab dann geht alles sehr schnell. Binnen eines Jahres bricht das Staatsgefüge der DDR auseinander und im nächsten Jahrzehnt all das, was der sozialistischen Idee den Rahmen gegeben hat. Zuerst fällt das Sinnbild der deutschen Teilung. Buchstücke der Berliner Mauer ziehen in Museen und Galerien. Kilometerlange Akten, die die systematische Überwachung der DDR-Bürger bezeugen, landen zur Auswertung im Archiv, und die Bürogebäude des MfS, wie in Cottbus oder Dresden, werden abgerissen. Mit den Orten der Repression verschwindet die Angst. Die entstehenden Freiräume besetzen die Bürger der ehemaligen sozialistischen Republik, wie z.B. die Anwohner Wittstocks, die per Gerichtsentscheid die Stilllegung des militärisch genutzten Truppenübungsplatzes erwirken.

Dass Freiheit Grenzen hat, stellen die ostdeutschen Werktätigen fest. Durch die Privatisierung der Volkseigenen Betriebe verlieren Zehntausende ihre Arbeit. Schmiergeldaffären wie die Abwicklung der Leuna-Werke mit Begünstigung des französischen Konzerns Elf Aquitaine begleiten die Vorgehensweise der umstrittenen Treuhandanstalt. Mit den Betrieben verschwinden die Menschen. Auf der Suche nach Arbeit verlassen die Ostdeutschen die Heimat. Die in DDR-Zeiten beliebten Plattenbausiedlungen verkommen in einigen Gebieten wie in Hoyerswerda, Magdeburg oder Suhl zu Geisterstädten. Treffpunkte der Gemeinschaft – wie Konsumverkaufsstelle, Kulturhaus oder Kino – reißen Bagger nieder. Diese Orte missen die Menschen schmerzlich. An sie sind Erinnerungen, das Gefühl der Geborgenheit und Lebensglück geknüpft.

Im dritten Jahrzehnt der Einheit Deutschlands spüren die Ostdeutschen das Für und Wider ihrer Geschichte. Stolz blicken sie auf die Montagsdemonstrationen, durch die die „Bonzen“ in Wandlitz aus ihrer Insel des Wohlstands getrieben wurden. Die friedliche Revolution siegte über das Unrecht der DDR und trug entscheidend zur deutschen Wiedervereinigung bei. Der Verlust des Arbeitsplatzes und die Schwierigkeit, in der neuen Wirtschaftsordnung Fuß zu fassen, haben viele den Sieg als persönliche Niederlage erfahren lassen. Die verschwundenen Orte zeigen nicht nur brachliegende Landschaft, sondern auch die Vision der Neugestaltung einer gesamtdeutschen Lebenswirklichkeit, auch wenn manches unwiederbringlich verloren scheint.

(Die Publikationsrechte des Textes obliegen der Bebug mbH / Verlag Bild und Heimat)

In Zusammenarbeit mit dem Verlag Bild und Heimat entstanden weitere Titel:
Erfurt – Damals und heute
Chemnitz Damals und heute